Geburtseinleitung: Cytotec – Kleine Tablette, großes Risiko

Ein Bericht von Eva Achinger und Ann-Kathrin Wetter, Bayerischer Rundfunk / Süddeutsche Zeitung

In Deutschland wird eine Tablette zur Geburtseinleitung eingesetzt, die nie für diesen Zweck zugelassen wurde. Recherchen von BR und SZ zeigen, dass es zu schweren Komplikationen für Mutter und Kind kommen kann.

Der Tag der Geburt ihres Sohnes war der schlimmste Tag in ihrem Leben. Heute, Jahre später, schießen Annemarie (Name von Redaktion geändert) immer noch Tränen in die Augen, wenn sie daran zurückdenkt. Nach einer unbeschwerten Schwangerschaft leiten die Ärzte die Geburt ihres Sohnes mit einem Medikament ein. Annemarie bekommt heftige, kurz aufeinanderfolgende Wehen – einen Wehensturm. Ihr Sohn wird einem Gutachten zufolge mit zu wenig Sauerstoff versorgt.

Heute ist er geistig und körperlich stark beeinträchtigt. Mit acht Jahren trägt er noch Windeln, lernt gerade sprechen. Er wird nie ein selbstständiges Leben führen. Annemarie, ihre Anwältin und Gutachter sind überzeugt, dass das mit dem Medikament zu tun hat, das sie zur Einleitung der Geburt bekommen hat: mit Cytotec.

Cytotec – im Kreißsaal ohne Zulassung

Cytotec ist ein Magenschutzmittel und für diesen Zweck zugelassen. Dass es Kontraktionen der Gebärmutter auslöst und damit Wehen fördern kann, haben Ärzte zufällig entdeckt. Hoch dosiert kann Cytotec auch zur Abtreibung eingesetzt werden.

Obwohl das Präparat für die Geburtsmedizin nie zugelassen wurde, verwendet einer bisher unveröffentlichten Umfrage der Universität Lübeck zufolge die Hälfte der deutschen Kliniken Cytotec zur Einleitung der Geburt. Diese Anwendung ist im Rahmen der ärztlichen Therapiefreiheit zulässig – im sogenannten „Off-Label-Use“.

In Hintergrundgesprächen sagen Ärzte, dass Cytotec bei der Geburtseinleitung wirksam sei und wegen der Tablettenform einfach zu verabreichen. Außerdem ist das Medikament sehr billig: Die Tablette kostet nicht einmal einen Euro, wohingegen zugelassene, alternative Medikamente mitunter im dreistelligen Bereich liegen.

Auffällig viele Geburtsschäden in Verbindung mit Cytotec

Die Berliner Fachanwältin für Medizinrecht Ruth Schulze-Zeu vertritt Mütter und Kinder, die einen Geburtsschaden erlitten haben. Viele Fälle seien ähnlich gelagert, sagt die Anwältin: Die Frauen bekämen Cytotec zur Einleitung der Wehen, es komme zu einer Überstimulation der Gebärmutter, einem Wehensturm; und dann zu schwerwiegenden Komplikationen, die die Kliniken nicht mehr in den Griff bekämen.

„Etwa 40 Prozent der Fälle, die bei mir landen, sind Fälle, wo Cytotec zum Einsatz kommt“, sagt Ruth Schulze-Zeu. Sie sei über diese Wiederholung verwundert.

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